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Zu den eigenen Grenzen stehen

Der Thu­ner EVP-Stadtrat Jonas Baum­mann ist Psy­cho­the­ra­peut und Sozi­al­un­ter­neh­mer. In sei­nem Kom­men­tar plä­diert er für mehr Gelas­sen­heit und Demut. Er ruft dazu auf, zu den eige­nen Gren­zen zu ste­hen.

«Jeder ist sei­nes Glü­ckes Schmied.» «Die Kunst zu leben besteht darin, zu ler­nen, im Regen zu tan­zen, anstatt auf die Sonne zu war­ten.» Tau­sende von Rat­ge­bern und zahl­rei­che sol­che Sprü­che, machen uns weis, dass sich mit posi­ti­vem Den­ken, geschick­tem Selbst­ma­nage­ment und dem Befol­gen eini­ger Regeln das Glück her­stel­len lässt. Soll­ten diese Rat­schläge und Sprü­che mehr als ein­fa­che kurz­fris­tige Ermun­te­run­gen sein, gilt es diese gründ­lich zu hin­ter­fra­gen. Denn als unre­flek­tierte Wert­vor­stel­lun­gen prä­gen sie ideo­lo­gisch unsere Welt, aber als all­ge­mein­gül­tige Lebens­weis­hei­ten grei­fen sie zu kurz.

Wäre ich mei­nes Glü­ckes Schmied, müsste ich auto­nom sein, viel Macht haben, mein Leben zu gestal­ten und selbst zu kon­trol­lie­ren. Zudem müsste sich ursäch­lich aus die­ser Lebens­ge­stal­tung her­aus dann auch wirk­lich Glück ein­stel­len, was auch nicht gesagt ist. Da greift der omni­prä­sente Mach­bar­keits­wahn um sich. Indi­vi­du­el­les wie kol­lek­ti­ves Leid, Ver­gäng­lich­keit und Begrenzt­heit wer­den durch sol­che Illu­sio­nen naiv und bei­nahe zynisch kom­pen­siert und aus­ge­blen­det. Hand­lungs­frei­heit muss durch Selbst­re­fle­xion, Ruhe und Mut sowie Erkennt­nis erar­bei­tet wer­den und kann jeder­zeit wie­der abhan­den kom­men.

Wir soll­ten den Umgang mit Span­nungs­fel­dern wie Akti­vi­tät und Pas­si­vi­tät, Macht und Ohn­macht, Trauer und Freude, Hoff­nung und Zwei­fel, Sinn und Sinn­lo­sig­keit usw. neu ler­nen. Dazu akzep­tie­ren, dass es keine ein­heit­li­che Vor­stel­lung von Glück und auch keine Ide­al­per­sön­lich­keit gibt. Glück und auch Sinn hän­gen von Erkennt­nis, Erfah­run­gen, Auf­merk­sam­keit und nicht beein­fluss­ba­ren exter­nen Fak­to­ren ab, einem wie­der­keh­ren­den Zusam­men­spiel von pas­si­ver Hin­nahme von Gege­be­nem und akti­ver auf­merk­sa­mer Deu­tung und Gestal­tung.

Letzt­hin las ich in der Bibel in Psalm 147,7 vom Psalm­schrei­ber fol­gende Worte: «Gott schafft dei­nen Gren­zen Frie­den und sät­tigt dich.» Der Autor meinte zwar offen­sicht­lich geo­gra­fi­sche Gren­zen. Ich finde seine Worte aber ebenso hilf­reich und ent­las­tend im Umgang mit per­sön­li­chen Gren­zen und Span­nungs­fel­dern.

Ich bin froh, dass das Defi­zi­täre in das Mensch­li­che rein­ge­hört! So besteht meine Kunst des Lebens folg­lich eher darin, aus­zu­hal­ten, dass es mir nicht immer zum Tan­zen zumute ist.

Jonas Baumann-Fuchs
Seit 2008 Stadt­rat in Thun
Psy­cho­the­ra­peut und Sozi­al­un­ter­neh­mer